Wenn Wahrheit kein Todesomen wäre…

Nächte in denen man nicht schlafen kann, sind Nächte in denen man Blogeinträge verfasst. Ich kam ziemlich lange nicht dazu, die Welt mit meinem Seelenmüll zu belästigen. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig, wie auch irrelevant.

Ich denke darüber nach, warum man nicht einfach ehrlich zueinander sein kann. Das ärgert mich schon, seit ich denken kann. Warum es gesellschaftlich akzeptiert ist, mit einer ausgefuchsten Lüge zu leben, statt die schreckliche Wahrheit auszusprechen. Die Lüge ist einfacher und angenehmer, klar. Und die Wahrheit bleibt einem meistens im Hals stecken. Ich bin der Meinung, dass mehr als die Hälfte aller Handlungen der Menschen aus purer Angst resultieren.

Um ein Beispiel zu nennen: Ich möchte Leute, die ich eigentlich nicht leiden kann und denen ich irgendwo begegne, nicht dulden müssen. Auch, wenn mein Umfeld sie duldet. Natürlich tue ich es trotzdem, weil ich nicht der asoziale Penner in der Runde sein will und es vernünftig und angebracht ist. Aber ich hasse Menschen, die zu jedem nett und freundlich sind und ihnen ins Gesicht lächeln, um dann hinter ihrem Rücken über sie herzuziehen. Das ist feige und verschwendete Zeit. Ich finde es sollte erlaubt sein, diesen Personen genau so zu begegnen, wie man für sie empfindet. Überhaupt sollte man viel ehrlicher zu sich und seinen Gefühlen sein dürfen, ohne das daraus dauernd riesige Dramen entstehen. Man müsste sich nicht schäbig ins Gesicht lächeln und innerlich am Hass ersticken. Wenn jemand zu mir kommen würde und sagen würde „ Pass mal auf, ich kann dich nicht ausstehen. Ich weiß nicht mal warum aber irgendwas an dir stört mich und ich komme überhaupt nicht mit dir klar.“ würde ich dieser Person vermutlich erfreut die Hand schütteln und mich dann für immer verabschieden. Danach würde ich laut weinen und zusammenbrechen. Trotzdem. Ich hätte Klarheit. Ich hätte Respekt. Solche Leute habe ich tausendmal lieber, als die schleimigen Ekel, die jedem nach dem Mund reden.
Aber normalerweise läuft es anders. Da findet man über Kumpel A raus, dass Kumpel B gesagt hat, dass Kumpel C zu Kumpel D gesagt hätte, man wäre doof. Und dann darf man das niemandem erzählen und muss sich weiterhin so verhalten, als wäre Kumpel C der beste Mensch der Welt. ANSTRENGEND.

Um ein zweites Beispiel zu nennen: Unannehmlichkeiten bleiben unangenehm. Und sie einfach tot zu schweigen, hat noch nie funktioniert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass früher oder später alles rauskommt. Und nichts regt mich mehr auf, als Menschen denen ich vertraue und die mich anlügen oder mir Dinge verschweigen. Ich sage nur formell „verschweigen“. Verschweigen ist nicht besser als lügen. Verschweigen IST lügen. Genauso wie Tatsachen verdrehen. Es ist anstrengend, respektlos, feige und wir haben alle besseres verdient.

Jetzt gibt es in diesen Situationen zwei Probleme.

Erstens: Wir sind alle nur Menschen. Menschen ertragen die Wahrheit nicht. Egal wie oft jeder sagt, er will die Wahrheit hören: Wir wollen es eigentlich nicht. Und wenn, dann nur die angenehme Wahrheit. Sowas wie „Ich beneide dein Leben!“ oder „Du hast das, was ich nie haben werde: wunderschönes Haar!“

Zweitens: Je wichtiger uns Menschen sind, umso weniger wollen wir ihnen weh tun. Diese Situation tritt aber früher oder später zwanghaft ein und dadurch verschweigen wir dann irgendwann Sachen, die etwas später doch wieder rauskommen und die uns dann zum Arschloch machen. Wir sitzen fest. Wir verstricken uns in hinterhältigen Aussagen und Taten, die wir nicht ansatzweise so meinen und wandern mitten in der Nacht mit einem Jutebeutel nach Timbuktu aus.

Ich muss euch jetzt enttäuschen, ich habe leider keine Ahnung, was hier die beste Lösung ist und wie wir das alles angenehm für alle Beteiligten gestalten. Ich denke nur laut. Das einzige, was ich in den letzten Jahren für mich lernen konnte war, dass es niemals einen Grund gibt, Menschen ins Gesicht zu lügen. (Ja, ja- außer du stehst vor Gericht.) Man sollte sich treu bleiben und Personen vermeiden, zu denen man nur nett ist, weil man es irgendwie sein muss. Denn das muss man einfach nicht. Man solte jemandem eine unschöne Wahrheit respektvoll vermitteln können und sich dafür nicht entschuldigen müssen. Und ein Umfeld haben, das man aufrichtig gern hat. Denn für alles andere ist das Leben zu kurz und die Auswahl zu groß. Fertig.

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