WOW 3.0

Wenn ich Nichtraucherin wäre, würde ich diesen Text wahrscheinlich grade auf den Malediven verfassen. Stattdessen sitze ich auf dem Balkon und inhaliere einen Euro nach dem anderen. Nebenbei trinke ich Kamillentee, um mich inoffiziell bei meinem Körper zu entschuldigen. Er dreht sich beleidigt weg.
Ich habe heute wieder zu viel Zeit damit verbracht, mein Leben im Internet auszubreiten und mich über mein überteuertes Smartphone in fremde Leben reinzustalken.
Davon mal abgesehen, dass es mich eigentlich nicht im geringsten interessiert, was für eine Party ihr heute besucht, wie eure neuen Schuhe aussehen, wie tief eure Liebe zu diversen, mir und euch selbst fremden Menschen ist und was ihr so alles hasst, frage ich mich ernsthaft ob es irgendjemanden ehrlich interessiert, was für Blödsinn wir uns gegenseitig erzählen. Natürlich werden mir jetzt diverse Menschen versuchen weiszumachen, dass es um den Unterhaltungsfaktor geht und sie im echten Leben total beschäftigt und gefestigt sind. Wenn ich aber so gut wie jeden Tag eine völlig irrelevante Aktualisierung eurer Meldungen sehe, dann kann euer Leben gar nicht so vollkommen sein, wie ihr immer tut.
Mich überkommt der Verdacht, dass wir einerseits eine riesige, traurige Selbsthilfegruppe darstellen, die sich krampfhaft zusammenschweißt und gegenseitig in den Himmel lobt und andererseits einfach eine Plattform suchen, um zu beweisen, dass wir weitaus bessere Menschen sind als alle anderen Geschöpfe darin, weil unser reales Leben nicht ganz so super läuft.
Ich greife in der Hinsicht gerne das Thema Twitter auf. Dort gibt es sechs nervtötende Gruppen.

Die „Ich bin ein verrückter Fan und tue alles um von meinem Idol beachtet zu werden“-Gang

Ich möchte dazu nicht viel sagen, wir kennen sie alle. Die verstörenden Tweets, in denen diverse „Stars“ markiert werden und kleine, komplexbeladene Kinder um Anerkennung betteln,um im Internet das Gefühl zu haben, wertvoll zu sein.Davon gibt es noch eine kleinere, verstecktere Gruppe.  Ich nenne sie

„Die Blender“

Das sind Menschen, die im Grunde zu Gruppe 1 gehören aber noch einen Restfunken an Intelligenz besitzen und deshalb so tun, als wäre die Persönlichkeit ihres Lieblingskünstlers ihre eigene. Die sich diverse Schuhe und Shirts kaufen und andere in dem Glauben lassen, sie würden die einfach gut finden, weil sie lässig und trendy geboren wurden. Wenn man sich aber ansatzweise mit diesen Menschen beschäftigt, merkt man, dass das in keinster Weise ihre eigene Meinung ist. Sie holen sich Tipps aus dem Internet und recherchieren besessen, welche Sprüche, Klamotten und Parties grade angesagt sind und verkaufen das als ihre Persönlichkeit. In Wirklichkeit sind sie klein, schüchtern und kauen an ihren Fingernägeln.

Die „Ich kenne Menschen, die bekannt sind und definiere mein Leben darüber“ Gruppe

Sie haben irgendwann mal an der Tanke oder über einen Freund  einen Rapper persönlich kennengelernt und sich auf absurde Weise mit ihm angefreundet. Jetzt möchten sie es der Welt mitteilen, dafür gelobt werden und ein Stück vom Kuchen abbekommen. Sie schreiben  tausende uninteressante Tweets, in denen sie ihre enge Bindung zu ihm zur Schau stellen. Aber immer so, dass die anderen davon Wind bekommen. Denn sie stehen ab jetzt über dem normalen Volk und jeder soll es wissen.

Die „Ich bin extrem tiefsinnig und zeige Emotionen, nach denen keiner gefragt hat“-Psychokinder

Sie sammeln sich Kaugummipapiersprüche und Zitate aus Liebesfilmen zusammen und machen einen auf Dichter und Denker. Das sind auch diejenigen, die in der Schule keine Freunde haben und   zu Hause gerne traurige Lieder von Silbermond hören. Dabei weinen sie laut. Sie berühren einen peinlich und machen gleichzeitig extrem aggressiv, weil es eine Endlosschleife aus Selbstmitleid und Generve darstellt. Die würden auf Beleidigungen aber nur mit einer liebevollen Umarmung reagieren.

Nun zur  Gemeinschaft „Ich hasse euch alle“

Diese Geschöpfe hassen eigentlich nur sich selbst oder ihre Mutter oder ihren Vater oder ihren Deutschlehrer. Glauben aber, dass es total lässig und sympathisch rüberkommt, wenn sie jeden Tag nichts anderes zu tun haben, als ihre Endlose Hassliste abzuarbeiten. Ist die ersten 1000-male lustig, definitiv. Danach wird es leider nur noch mitleiderregend und irgendwie körperlich unangenehm für den Leser.

Last but not least: „Ich schäme mich eigentlich dafür hier zu sein aber bin zu schwach um zu gehen.“

In diese Gruppe würde ich mich an der Stelle selbst zuordnen. Diese Menschen haben das Internetsystem in den letzten kostbaren Jahren ihrer Jugend durchschaut. Sie wissen, wie peinlich und unnötig diese ganzen Sozialen Netzwerke sind, kommen aber aus verschiedenen Gründen nicht raus aus dem Teufelskreis. Sie schreiben Tweets, die nie irgendwas wirklich persönliches zu sagen haben, sondern einfach nur Gedankenmüll darstellen, den sie frustriert und genervt mit der Welt teilen. Sie wären auch die Ersten, die ihre Accounts löschen würden und jubelnd in die Welt hinauslaufen, während sie mit Blumen werfen und „Wir sind alle frei!“ singen, wenn diese ganzen Twitter/Facebooksache irgendwann nicht mehr funktioniert. Aber ja, man sollte es ehrlicherweise zugeben, sie haben dabei trotzdem irgendwie ein bisschen Spaß.

Was genau ich damit sagen will ist eigentlich einfach. Ich habe das Internet in all den Jahren durchgespielt und ich weiß, dass wenige von euch auch die sind, die sie im Internet vorgeben zu sein.
Wenn es so wäre, hätten wir uns alle in einer Bar, auf Parties, auf der Arbeit oder über Freunde kennengelernt. Im Endeffekt seid ihr alle irgendwo verlorene Seelen, die sich an ihre verrückte, gruselige Cyberorg-Gesellschaft klammern und in einigen Jahren werdet ihr euch vielleicht dafür schämen.

Man beschäftigt sich gerne mit unwichtigen, angenehmen Dingen, um sich nicht mit seinem eigenen, verkorksten Leben auseinandersetzen zu müssen. Mal sehen, wie lange ihr das noch durchziehen könnt. Ich wünsche jedenfalls viel Erfolg.

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