Wie ich in die Heimat des Babos fuhr, um mich zu übergeben.

Ich will raus aus Berlin. Berlin macht mich wahnsinnig und dass alle Menschen auf der Welt Berlin lieben und hierher ziehen macht mich noch wahnsinniger.
So ungefähr sind meine Gedankengänge seit mehreren Monaten. Kurz bevor ich dann an meinem Frust und meiner Unzufriedenheit erstickt bin, habe ich meine Koffer gepackt und bin spontan für zwei Tage nach Frankfurt  gefahren.
Nachdem ich mich aus dem Bauch heraus für die Mitfahrgelegenheit von Igor entschieden habe, stehe ich zum vereinbarten Zeitpunkt am S-Bahnhof Wedding und sehe dem Elend der Gesellschaft direkt ins Gesicht . Plötzlich kommt mir ein Afroamerikaner mitte zwanzig entgegen und nickt geheimnisvoll.  Ich überlege, wie ich ihm möglichst freundlich verklickere, dass ich keine Drogen kaufen werde. Er stellt sich als Igor vor und ich halte es für einen sehr schlechten Scherz, doch folge ihm in das Auto mit abgedunkelten Scheiben. Der Fahrer, sein Kumpel, ist ebenfalls schwarz und redet ungern. Wenn er redet, dann auf französisch und in Zeitlupe. Aus dem Auto dringen karibische Klänge und ein alter Mann singt weinerlich über seine verlorene Liebe. Wir fahren los.
Igor und Paul kommunizieren wenig und wenn dann nur miteinander. Ich existiere offensichtlich nicht, vielleicht weil ich weiß bin, doch störe mich nicht weiter daran. Die Musik wechselt währenddessen von  „I love you more then I love myself“ zu „Do it baby, Do it, do me, do me, then I do you, give it to me hard.“ Das Lied, dass ich auf dieser fünf Stunden Fahrt ca. 15-mal hören werde und Tage danach noch in meinem Kopf summe.
Wir brettern mit 180 Sachen über die Autobahn und während zum Ende hin das Letzte mal „Do me“ läuft, verfahren wir uns weitere 50 Stunden, bis sie mich an irgendeiner mir völlig fremden U-Bahnstation in Frankfurt raus lassen. Diese nennt sich „Konstablerwache“ und meine Freundin, mit der ich dort verabredet bin, sucht mich verzweifelt. Ich schicke ihr tausendmal meinen Standort via Whatsapp (man, diese Technik ist verblüffend!)  bis mein Akku leer ist und ich für einen kurzen Moment davon ausgehe, mitten in Frankfurt zu sterben.
Natürlich hat sie mich zwei Minuten später gefunden und wir sind auf dem Weg nach Hause.
Angekommen in der Wohnung der Freude und Liebe, killen wir die ersten zwei Sektflaschen noch bevor ich meine Schuhe richtig ausgezogen habe.

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Wir sind schon gut angetrunken und halten es für das Vernünftigste jetzt Musik zu machen. Dann suchen wir uns einen herzzerreißenden Beat aus und während ihr Freund den Sound einstellt, beginne ich wie durch Zauberhand zu einer billigen Kanye-Imitation zu mutieren und mehrere Stunden lang zusammenhangslose Dinge auf englisch zu freestylen. Irgendwann brechen alle durch ihr Gelächter in Tränen aus und ich komme langsam zu mir. Der restliche Abend verläuft wie folgt: 3 Flaschen Sekt, eine Flasche Bacardizeug, ein bisschen Wodka, ein extremer Fressanfall und die Bekanntschaft mit einer jungen Dame, die ich wahrscheinlich in diesem Leben nicht mehr nüchtern oder unverkatert antreffen werde.
Tag 2. Ich wache auf, in einem edlen Prinzessinnenbett und sage etwas ähnliches wie „ogod…ischwielsterbbn“.
Nach einem ausgiebigen Frühstück begeben wir uns in die Stadt, treffen uns mit drei Freundinnen und rennen zu REWE, um das sinnvollste in dieser Situation zu tun: Alkohol kaufen. Bewaffnet mit gefühlten 300 Flaschen Sekt, begeben wir uns in die Wohnung der Liebe und saufen uns ins Delirium. Wir essen Donuts, spielen „Ich habe noch nie…“, (ein Spiel dass ihr niemals in einer Frauenrunde spielen solltet, wenn nebenan ein lauschender Mann sitzt) und reden ausführlich über Masturbation.
Plötzlich artet der Abend aus. Wie ein Wirbelsturm umfasst uns die Trunkenheit und alle gröhlen Hits von Christina Aguilera und den Backstreet Boys mit. Zu besagtem Zeitpunkt ist es knapp 23:00 Uhr.
Wir verlassen die Wohnung, wollen in eine Karaokebar und merken dann, dass diese schon zu hat. Ich liege volltrunken an der Bushaltestelle, schließe die Augen und murmele etwas auf hebräisch. Zu besagtem Zeitpunkt ist es 23:15 Uhr.  Wir verabschieden uns und fallen alle ins Bett. Plötzlich erwacht die 14-jährige Familien im Brennpunkt-Gestalt in mir und ich halte es für angebracht, mich mehrfach auf den Fußboden zu übergeben. Und ja, ich schreibe es wirklich nieder- YOLO! Ich schicke meiner Freundin zeitgleich unlesbare SMS, in denen ich ihr versuche zu erklären, dass ihr Laminat besudelt ist, kriege aber keinen vernünftigen Satz zusammen. Gott sei Dank, kommt sie dann doch noch nach mir schauen und ich schlafe erschöpft und friedlich in meiner Asozialität ein.

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Fazit: ES WAR SO WUNDERVOLL! Ich bin zwar für meine Verhältnisse komplett eskaliert und werde wahrscheinlich die nächsten 10 Tage nicht mehr betrunken sein aber jede Stunde Fahrt hat sich ausgezahlt und ich hatte eine der schönsten Zeiten meines bisherigen Lebens. Man gönne es mir Ich bin  immerhin sonst immer sehr genervt und angewidert von allem. Frankfurt wirkt wie ein kleines, ranziges Berlin aber trotzdem fühlte ich mich sehr wohl. Ich möchte mich außerdem bei allen lieben Menschen bedanken, die ich dort getroffen habe. Und außerdem möchte ich mich bei Haftbefehl bedanken. Niemand weiß warum, aber ich halte es für angebracht. Keine Sorge, Chayas – Ich komme wieder!  KONSTI, BRUDER!

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Wenn Wahrheit kein Todesomen wäre…

Nächte in denen man nicht schlafen kann, sind Nächte in denen man Blogeinträge verfasst. Ich kam ziemlich lange nicht dazu, die Welt mit meinem Seelenmüll zu belästigen. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig, wie auch irrelevant.

Ich denke darüber nach, warum man nicht einfach ehrlich zueinander sein kann. Das ärgert mich schon, seit ich denken kann. Warum es gesellschaftlich akzeptiert ist, mit einer ausgefuchsten Lüge zu leben, statt die schreckliche Wahrheit auszusprechen. Die Lüge ist einfacher und angenehmer, klar. Und die Wahrheit bleibt einem meistens im Hals stecken. Ich bin der Meinung, dass mehr als die Hälfte aller Handlungen der Menschen aus purer Angst resultieren.

Um ein Beispiel zu nennen: Ich möchte Leute, die ich eigentlich nicht leiden kann und denen ich irgendwo begegne, nicht dulden müssen. Auch, wenn mein Umfeld sie duldet. Natürlich tue ich es trotzdem, weil ich nicht der asoziale Penner in der Runde sein will und es vernünftig und angebracht ist. Aber ich hasse Menschen, die zu jedem nett und freundlich sind und ihnen ins Gesicht lächeln, um dann hinter ihrem Rücken über sie herzuziehen. Das ist feige und verschwendete Zeit. Ich finde es sollte erlaubt sein, diesen Personen genau so zu begegnen, wie man für sie empfindet. Überhaupt sollte man viel ehrlicher zu sich und seinen Gefühlen sein dürfen, ohne das daraus dauernd riesige Dramen entstehen. Man müsste sich nicht schäbig ins Gesicht lächeln und innerlich am Hass ersticken. Wenn jemand zu mir kommen würde und sagen würde „ Pass mal auf, ich kann dich nicht ausstehen. Ich weiß nicht mal warum aber irgendwas an dir stört mich und ich komme überhaupt nicht mit dir klar.“ würde ich dieser Person vermutlich erfreut die Hand schütteln und mich dann für immer verabschieden. Danach würde ich laut weinen und zusammenbrechen. Trotzdem. Ich hätte Klarheit. Ich hätte Respekt. Solche Leute habe ich tausendmal lieber, als die schleimigen Ekel, die jedem nach dem Mund reden.
Aber normalerweise läuft es anders. Da findet man über Kumpel A raus, dass Kumpel B gesagt hat, dass Kumpel C zu Kumpel D gesagt hätte, man wäre doof. Und dann darf man das niemandem erzählen und muss sich weiterhin so verhalten, als wäre Kumpel C der beste Mensch der Welt. ANSTRENGEND.

Um ein zweites Beispiel zu nennen: Unannehmlichkeiten bleiben unangenehm. Und sie einfach tot zu schweigen, hat noch nie funktioniert. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass früher oder später alles rauskommt. Und nichts regt mich mehr auf, als Menschen denen ich vertraue und die mich anlügen oder mir Dinge verschweigen. Ich sage nur formell „verschweigen“. Verschweigen ist nicht besser als lügen. Verschweigen IST lügen. Genauso wie Tatsachen verdrehen. Es ist anstrengend, respektlos, feige und wir haben alle besseres verdient.

Jetzt gibt es in diesen Situationen zwei Probleme.

Erstens: Wir sind alle nur Menschen. Menschen ertragen die Wahrheit nicht. Egal wie oft jeder sagt, er will die Wahrheit hören: Wir wollen es eigentlich nicht. Und wenn, dann nur die angenehme Wahrheit. Sowas wie „Ich beneide dein Leben!“ oder „Du hast das, was ich nie haben werde: wunderschönes Haar!“

Zweitens: Je wichtiger uns Menschen sind, umso weniger wollen wir ihnen weh tun. Diese Situation tritt aber früher oder später zwanghaft ein und dadurch verschweigen wir dann irgendwann Sachen, die etwas später doch wieder rauskommen und die uns dann zum Arschloch machen. Wir sitzen fest. Wir verstricken uns in hinterhältigen Aussagen und Taten, die wir nicht ansatzweise so meinen und wandern mitten in der Nacht mit einem Jutebeutel nach Timbuktu aus.

Ich muss euch jetzt enttäuschen, ich habe leider keine Ahnung, was hier die beste Lösung ist und wie wir das alles angenehm für alle Beteiligten gestalten. Ich denke nur laut. Das einzige, was ich in den letzten Jahren für mich lernen konnte war, dass es niemals einen Grund gibt, Menschen ins Gesicht zu lügen. (Ja, ja- außer du stehst vor Gericht.) Man sollte sich treu bleiben und Personen vermeiden, zu denen man nur nett ist, weil man es irgendwie sein muss. Denn das muss man einfach nicht. Man solte jemandem eine unschöne Wahrheit respektvoll vermitteln können und sich dafür nicht entschuldigen müssen. Und ein Umfeld haben, das man aufrichtig gern hat. Denn für alles andere ist das Leben zu kurz und die Auswahl zu groß. Fertig.

WOW 3.0

Wenn ich Nichtraucherin wäre, würde ich diesen Text wahrscheinlich grade auf den Malediven verfassen. Stattdessen sitze ich auf dem Balkon und inhaliere einen Euro nach dem anderen. Nebenbei trinke ich Kamillentee, um mich inoffiziell bei meinem Körper zu entschuldigen. Er dreht sich beleidigt weg.
Ich habe heute wieder zu viel Zeit damit verbracht, mein Leben im Internet auszubreiten und mich über mein überteuertes Smartphone in fremde Leben reinzustalken.
Davon mal abgesehen, dass es mich eigentlich nicht im geringsten interessiert, was für eine Party ihr heute besucht, wie eure neuen Schuhe aussehen, wie tief eure Liebe zu diversen, mir und euch selbst fremden Menschen ist und was ihr so alles hasst, frage ich mich ernsthaft ob es irgendjemanden ehrlich interessiert, was für Blödsinn wir uns gegenseitig erzählen. Natürlich werden mir jetzt diverse Menschen versuchen weiszumachen, dass es um den Unterhaltungsfaktor geht und sie im echten Leben total beschäftigt und gefestigt sind. Wenn ich aber so gut wie jeden Tag eine völlig irrelevante Aktualisierung eurer Meldungen sehe, dann kann euer Leben gar nicht so vollkommen sein, wie ihr immer tut.
Mich überkommt der Verdacht, dass wir einerseits eine riesige, traurige Selbsthilfegruppe darstellen, die sich krampfhaft zusammenschweißt und gegenseitig in den Himmel lobt und andererseits einfach eine Plattform suchen, um zu beweisen, dass wir weitaus bessere Menschen sind als alle anderen Geschöpfe darin, weil unser reales Leben nicht ganz so super läuft.
Ich greife in der Hinsicht gerne das Thema Twitter auf. Dort gibt es sechs nervtötende Gruppen.

Die „Ich bin ein verrückter Fan und tue alles um von meinem Idol beachtet zu werden“-Gang

Ich möchte dazu nicht viel sagen, wir kennen sie alle. Die verstörenden Tweets, in denen diverse „Stars“ markiert werden und kleine, komplexbeladene Kinder um Anerkennung betteln,um im Internet das Gefühl zu haben, wertvoll zu sein.Davon gibt es noch eine kleinere, verstecktere Gruppe.  Ich nenne sie

„Die Blender“

Das sind Menschen, die im Grunde zu Gruppe 1 gehören aber noch einen Restfunken an Intelligenz besitzen und deshalb so tun, als wäre die Persönlichkeit ihres Lieblingskünstlers ihre eigene. Die sich diverse Schuhe und Shirts kaufen und andere in dem Glauben lassen, sie würden die einfach gut finden, weil sie lässig und trendy geboren wurden. Wenn man sich aber ansatzweise mit diesen Menschen beschäftigt, merkt man, dass das in keinster Weise ihre eigene Meinung ist. Sie holen sich Tipps aus dem Internet und recherchieren besessen, welche Sprüche, Klamotten und Parties grade angesagt sind und verkaufen das als ihre Persönlichkeit. In Wirklichkeit sind sie klein, schüchtern und kauen an ihren Fingernägeln.

Die „Ich kenne Menschen, die bekannt sind und definiere mein Leben darüber“ Gruppe

Sie haben irgendwann mal an der Tanke oder über einen Freund  einen Rapper persönlich kennengelernt und sich auf absurde Weise mit ihm angefreundet. Jetzt möchten sie es der Welt mitteilen, dafür gelobt werden und ein Stück vom Kuchen abbekommen. Sie schreiben  tausende uninteressante Tweets, in denen sie ihre enge Bindung zu ihm zur Schau stellen. Aber immer so, dass die anderen davon Wind bekommen. Denn sie stehen ab jetzt über dem normalen Volk und jeder soll es wissen.

Die „Ich bin extrem tiefsinnig und zeige Emotionen, nach denen keiner gefragt hat“-Psychokinder

Sie sammeln sich Kaugummipapiersprüche und Zitate aus Liebesfilmen zusammen und machen einen auf Dichter und Denker. Das sind auch diejenigen, die in der Schule keine Freunde haben und   zu Hause gerne traurige Lieder von Silbermond hören. Dabei weinen sie laut. Sie berühren einen peinlich und machen gleichzeitig extrem aggressiv, weil es eine Endlosschleife aus Selbstmitleid und Generve darstellt. Die würden auf Beleidigungen aber nur mit einer liebevollen Umarmung reagieren.

Nun zur  Gemeinschaft „Ich hasse euch alle“

Diese Geschöpfe hassen eigentlich nur sich selbst oder ihre Mutter oder ihren Vater oder ihren Deutschlehrer. Glauben aber, dass es total lässig und sympathisch rüberkommt, wenn sie jeden Tag nichts anderes zu tun haben, als ihre Endlose Hassliste abzuarbeiten. Ist die ersten 1000-male lustig, definitiv. Danach wird es leider nur noch mitleiderregend und irgendwie körperlich unangenehm für den Leser.

Last but not least: „Ich schäme mich eigentlich dafür hier zu sein aber bin zu schwach um zu gehen.“

In diese Gruppe würde ich mich an der Stelle selbst zuordnen. Diese Menschen haben das Internetsystem in den letzten kostbaren Jahren ihrer Jugend durchschaut. Sie wissen, wie peinlich und unnötig diese ganzen Sozialen Netzwerke sind, kommen aber aus verschiedenen Gründen nicht raus aus dem Teufelskreis. Sie schreiben Tweets, die nie irgendwas wirklich persönliches zu sagen haben, sondern einfach nur Gedankenmüll darstellen, den sie frustriert und genervt mit der Welt teilen. Sie wären auch die Ersten, die ihre Accounts löschen würden und jubelnd in die Welt hinauslaufen, während sie mit Blumen werfen und „Wir sind alle frei!“ singen, wenn diese ganzen Twitter/Facebooksache irgendwann nicht mehr funktioniert. Aber ja, man sollte es ehrlicherweise zugeben, sie haben dabei trotzdem irgendwie ein bisschen Spaß.

Was genau ich damit sagen will ist eigentlich einfach. Ich habe das Internet in all den Jahren durchgespielt und ich weiß, dass wenige von euch auch die sind, die sie im Internet vorgeben zu sein.
Wenn es so wäre, hätten wir uns alle in einer Bar, auf Parties, auf der Arbeit oder über Freunde kennengelernt. Im Endeffekt seid ihr alle irgendwo verlorene Seelen, die sich an ihre verrückte, gruselige Cyberorg-Gesellschaft klammern und in einigen Jahren werdet ihr euch vielleicht dafür schämen.

Man beschäftigt sich gerne mit unwichtigen, angenehmen Dingen, um sich nicht mit seinem eigenen, verkorksten Leben auseinandersetzen zu müssen. Mal sehen, wie lange ihr das noch durchziehen könnt. Ich wünsche jedenfalls viel Erfolg.